Atomausstieg: Bedeutung für regenerative Energien

2. Oktober 2010

Die am 8.9.2010 von der Regierung beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke ist ein steuernder Eingriff in den Fahrplan Atomausstieg. Über die zu erwartenden Auswirkungen gibt es eine breite Diskussion, die mit starker Emotionalität geführt wird.

Die Bundesregierung begründet die Laufzeitverlängerung vor allem mit Stabilitätsgewinnen. So will sie die Energieversorgung und die Preise sichern. Auch die Klimaschutzziele meint sie nur durch den längeren Betrieb der CO2-armen Kernkraft einhalten zu können. Man gewinne mit der „Brückentechnologie Kernkraft“ auch Zeit für neue effizientere Technologien im regenerativen Bereich.
Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Kernkraft bei den europäischen Nachbarn befürchten die ärgsten Kritiker aber auch den „Einstieg in den Ausstieg aus dem Atomausstieg“.

Ein gewichtiges Gegenargument zur Laufzeitverlängerung ist die Festigung des ohnehin monopolisierten Energieanbieter-Marktes. Die Kernkraftbetreiber EON, RWE, EnBW und Vattenfall sind die großen Vier der Energiewirtschaft. Sie sind eigentlich gegen den Atomausstieg und teilen den Strommarkt fast vollständig unter sich auf. Kartellamtspräsident Bernhard Heitzer und andere warnen vor der verteuernden Wirkung der fortschreitenden Monopolisierung.

Kleinere Energieunternehmen wie zum Beispiel Kommunen, die ihre Planung auf den bisherigen Energiekonsens setzten, sind außen vor. Sie können durch den verzögerten Atomausstieg in Schwierigkeiten geraten. Die Rahmenbedingungen, mit denen sie rechneten, haben sich gravierend verändert.

Die großen Energiekonzerne könnten aber auch einen Teil ihrer Zugewinne in den Ausbau der regenerativen Energiegewinnung stecken. Das werden sie tun, wenn sie mit dem finalen Atomausstieg rechnen. Die Brennelemente-Steuer fällt in diesem Zusammenhang nicht so stark ins Gewicht wie der jetzt in Aussicht gestellte Gesamtgewinn für die Großunternehmen.

Die Frage, ob die Laufzeitveränderung die regenerativen Technologien zur Energieerzeugung fördert oder hemmt ist nicht mit Sicherheit zu beantworten. Das wird die Zukunft zeigen. Atomausstieg verlangsamt oder nicht, es können regenerative Energien ausgebaut werden. Denn in dem Kompromisspapier findet sich für die AKW-Unternehmen auch die Option, ihre lukrativen Atomkraftwerke noch etwas länger zu betreiben als angestrebt. Genau dann, wenn der Anteil der Regenerativen am Energiemix stark wächst. Also sollten die „Großen Vier“ aus ureigenstem Interesse daran gehen, Kraftwerke zu fördern, die nachwachsende Energie nutzen.

Unternehmen, die auf eine Sogwirkung für die Regenerativen wegen Stromverknappung und –verteuerung spekuliert haben, werden sich jetzt umorientieren müssen. Die Strompreise werden vielleicht stabiler bleiben, als ursprünglich angenommen. Es sei denn, die noch nicht gelöste Endlagerfrage macht den AKW-Betreibern und der Regierung einen Strich durch die Rechnung.

Das Diagramm zeigt die Entwicklung des Strompreis für Endverbraucher in Deutschland in den Jahren 2006-2010
Entwicklung des Strompreis in Deutschland für Endverbraucher (Quelle: BMWI)

Windräder müssen derzeit häufig bei starkem Wind abgeschaltet werden. Nicht nur dann, wenn die Anlage gefährdet wird, sondern auch wenn der Stromüberfluss nicht ins Netz eingespeist werden kann. Regenerative Energieformen wie Wind- und Wasserkraft sind oft besonders ergiebig an verbraucherfernen Orten, zum Beispiel Offshore-Windparks. Marktferne und ungleiche Auslastung der wichtigsten deutschen regenerativen Energieform Windkraft erfordern den Ausbau der Netzinfrastruktur. Dieses Thema kommt gerade erst in den Fokus der Öffentlichkeit. Und die Leistungsschwankungen der Windkraftwerke müssen immer mit einer ausreichenden Zahl von Kraftwerken abgepuffert werden, die dauerhaft gleichbleibende Leistung erbringen.

Wer nun gegen den verlangsamten Atomausstieg und den Ausbau der Netzinfrastruktur wettert, muss sich fragen lassen, wie unsere heutige Gesellschaft mit ihren gewachsenen Ansprüchen und ihrem Grundrecht auf verfügbare Energie denn versorgt werden soll. Regenerative Kraftwerke jedenfalls erfordern den Ausbau des Stromnetzes.
Für die Planung und Umsetzung einer gesellschaftlich sinnvollen Energieplanung braucht es Jahrzehnte. Politiker denken aber generell innerhalb von Legislaturperioden. Das erschwert den großen energiepolitischen Wurf ganz erheblich.

Das Diagramm zeigt die Netto-Energiegewinnung in Deutschland, augeteilt in die verschiedenen Energiearten
Netto-Energiegewinnung in Deutschland (Quelle: BMWI)

Fazit: Wenn die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke den Atomausstieg nicht gefährdet, bleibt es grundsätzlich beim Energiekonsens. Wenn sie den Anteil regenerativer Energien sogar fördern sollte, umso besser. Sicher allerdings ist sie ein Schlag gegen die Dezentralisierung der Energiewirtschaft. Und ob sie damit hilft die Strompreise zu sichern, ist zumindest zweifelhaft. Die Gesellschaft ist und bleibt insgesamt über das Thema Atomenergie so gespalten wie der Kern, dessen Energie freigesetzt wird.

Die Sicherstellung einer zuverlässigen, wirtschaftlichen und umweltverträgli-chen Energieversorgung ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Die Herausforderungen einer nachhaltigen Energieversor-gung ergeben sich auch aus den langfristigen globalen Trends.

Elftes Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes

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