Bedeutung des Agrarsektors für die Entwicklung – Teil 1
Um die Probleme der Entwicklungsländer, die durch die Europäische Agrarpolitik entstehen, verstehen zu können, ist es notwendig aufzuzeigen, welchen Beitrag der Agrarsektor zum Wachstum der Entwicklungsländer hat. Es gilt zu untersuchen, in welchem Ausmaß der Industrie- und Agrarsektor ausgebaut bzw. unterstützt werden müssen, um einen möglichst positiven Entwicklungsprozess zu erreichen. Für die meisten Entwicklungsländer ist wirtschaftliche „Entwicklung“ gleichbedeutend mit Industrialisierung. Es hat sich jedoch gezeigt, dass viele Länder, welche Ihren Agrarsektor vernachlässigt haben, keinen positiven Entwicklungsprozess erlebt haben. Betrachtet man den großen Anteil des Agrarsektors am Bruttoinlandsprodukt vieler Entwicklungsländer, liegt es nahe daraus zu schließen, dass es die Hauptaufgabe dieser Länder sei, ihren Agrarsektor überproportional stark zu entwickeln.
Nach der Theorie von Rostow wäre eine bevorzugte Förderung des Agrarsektors nur dann sinnvoll, wenn es sich bei selbigem um einen führenden Sektor handelt. Rostow ging davon aus, dass jede „Entwicklung“ einer Volkswirtschaft in fünf Stufen eingeteilt werden könnte. In jeder Stufe gibt es einen führenden Sektor, welcher den Entwicklungsprozess in dieser Phase weiter vorantreibt. Nach Rostows Vorstellung musste ein führender Sektor eine innovative Produktionstechnik und eine bestimmte Größe haben.[1] Um die Rolle eines führenden Sektors zu übernehmen, muss die Nachfrage nach Agrarerzeugnissen mit steigendem Einkommen überproportional ansteigen und die gestiegene Nachfrage durch ein rasches Produktionswachstum auch befriedigt werden. Weiter ist es notwendig, dass die starken Wachstumsimpulse sich in erheblichem Maße auf die anderen Sektoren übertragen und zu technischen Fortschritt in allen Bereichen der betrachteten Volkswirtschaft führen.[2] Da die Nachfrage nach Agrarerzeugnissen aufgrund des „Engelschen Gesetzes“ mit zunehmendem Entwicklungsstand aber immer geringer wird und die Nachfrage nach industriellen Produkten im Laufe des Entwicklungsstandes zunimmt, ist man sich heute darüber einig, dass der Agrarsektor der meisten Entwicklungsländer nicht über die Vorraussetzungen für einen führenden Sektor verfügt.[3]
[1] Vgl. von Blanckenburg, P. (1982), S.21
[2] Vgl. Hemmer, H.R. (1988), S.463
[3] Vgl. Hemmer, H.R. (1988), S.464
